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Dirk Röpcke

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Geheimagent der Masseneremiten

(Hg.)

Geheimagent der Masseneremiten
Günther Anders

Edition Art&Science
2., überarb. Aufl. 2003
160 S., Pb.
ISBN 3-902157-14-3
EUR 20,-

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Diese Essaysammlung erschien in 1. Auflage aus Anlass des 100. Geburts- und 10. Todestages von Günther Anders. Das Günther Anders Forum eröffnete damit seine Editionsreihe, die sich Günther Anders und seinen Themen widmen wird. Die Beiträge der Anthologie loten Günther Anders' Bedeutung für die heutige Zeit sowie Parallelen und Differenzen im Denken zu zeitgenössischen Philosophen aus: Wie ist eine Annäherung an Günther Anders möglich? Welche neuen Erkenntnisse über seine Biographie gibt es? Welch eBedeutung hat sein Denken heute im Zeitalter des Cyberspace und des "Traumes der Maschine"? Beleuchtet werden theoretische wie persönliche Beziehungen zu Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Jean Paul Sartre.

Inhalt

Geheimagent Günther Anders. Einleitung - Dirk Röpcke

Spurensuche. Auf dem Weg zu Günther Anders - Raimund Bahr

Wiedersehen und vergessen. Zur Biographie - Konrad Paul Liessmann

Der Traum der Maschine. Zur Theorie des Monströsen bei Wir Eichmannsöhne - Johanna Riegler

Wir dürfen uns alle frei fühlen. Günther Anders trifft die Anthropologie des Cyberspace - Dirk Röpcke

Hot Potatoes. Zum Briefwechsel zwischen Günther Anders und Theodor W. Adorno - Konrad Paul Liessmann

Falsche Zwillingsbrüder. Günther Anders und Jean Paul Sartre - Christophe David

Günther Anders und Herbert Marcuse - Christian Fuchs

Der Überschätzte Unbekannte. Günther Anders: Ein Philosoph oder doch nur ein Prophet? - Stefan Broniowski

Abstracts

Raimund Bahr geht auf sehr persönliche Weise den Schwierigkeiten nach, die beim Schreiben einer Biographie über Günther Anders entstehen. Es sucht nach den Bedingungen und Voraussetzungen für dieses Schreiben. Bahr vermutet, dass Wien der Angelpunkt für eine Biographie über Anders sein müsse, weil diese Stadt nicht nur ab 1951 dessen Wohnort war, sondern selbst so randständig, so "weltverloren" sei. Eine Diskrepanz zur übrigen Welt, die Anders selbst artikulierte. Bahr sieht, dass der Prozeß der Individualisierung auch die kollektive Form der Kriegsführung aufgelöst habe, sich daher Bedrohungspotentiale verlagert haben. Aus dem Blickwinkel eines Lebens im Exil betrachtet Bahr Anders' essayistische und schriftstellerische Produktion, die von der Hoffnung bestimmt sei, dass ihre Behauptungen von der Vernichtung der Welt nicht wahr werden, dass die Verzweiflung den Menschen nicht in Resignation, sondern zum Widerstand führt.

Konrad Paul Liessmann zeichnet in seinem Beitrag zunächst in groben Zügen das bisher Bekannte der Andersschen Biografie nach, um dann den Fragen nachzugehen, wie gegenwärtig und wie aktuell Anders' Reflexionen sind. Liessmann berichtet - teils in anschaulichen Anekdoten - von seinen persönlichen Begegnungen mit Anders, die nicht immer ganz konflikt- und reibungslos verliefen. Er berichtet uns von oberlehrerhaften Attitüden Anders', aber auch von offenen Gesprächen über Anders' künstlerische Mehrfachbegabung und seinem Weg zur Philosophie, über das Exil in Paris und den USA, in dem sich sein Denken, seine Technikphilosophie zu dem konturierte, wie es sich uns heute darstellt, wo Anders bereits dem kommerzialisierten Fernsehen und seinen Auswirkungen begegnete, bevor es nach Europa kam, wo er aber auch die Apokalypseblindheit entdeckte. Liessmann berichtet von Anders' Verhältnissen zu Martin Heidegger, Hannah Arendt und nicht zuletzt zu seinem Vater William Stern, dem er zeit seines Lebens, auch über dessen Tod hinaus, tief verbunden blieb. Angesprochen wird auch Adorno, dessen Beziehung zu Anders Liessmann in einem gesonderten Beitrag in dieser Anthologie anhand eines Briefwechsels untersuchen wird. Liessmann betrachtet Anders' Rolle im Nachkriegswien nach seiner Rückkehr nach Europa, in dem er weiter Außenseiter, Randständiger Beobachter blieb.

Johanna Riegler greift in ihrem Beitrag das zentrale Thema von Anders, die Monströsität der Technik und die Kluft zwischen Herstellbarkeit und Vorstellbarkeit auf. Sie begegnet den Vorwürfen, Anders sei ein Philosoph der Negativität und Übertreibung. Diese seien methodische Stilmittel und Anders sei mehr als bloß ethischer Stichwortgeber. Sie kritisiert an der gesellschaftlichen Entwicklung, dass sie reaktionär bleibe im blinden Vertrauen auf die Effizienz- und Befreiungspotentiale des maschinellen Sozius, und dass das Eichmann-Problem ein aktuelles sei. Sie hebt unter stetem Bezug auf Anders hervor, dass diese Eichmänner höchst bezeichnend und unvermeidlich für den heutigen Zustand seien und führt dies auf die Monströsität der Technik, auf die Kluft zwischen Herstellbarkeit und Vorstellbarkeit, die Zuspitzung der Arbeitsteilung zurück. Auf das Unvorstellbare angemessen reagieren zu können, sei laut Anders unmöglich. In dieser Entwicklung verwandle die Welt sich in eine Maschine, die auf Steigerung ihrer Effizienz und auf Maximalleistung abziele, für die keine anderen Prinzipien gelten, die daher ausgeräumt würden. Wir seien Söhne der Eichmannswelt, weil wir uns im Gravitationsfeld dieser maschinellen Ausdehnung befinden.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, so Dirk Röpcke, seien scheinbar die atomare Bedrohung aber zugleich auch die Klarheit und Übersichtlichkeit verschwunden. Dies führte zu der fatalistischen Euphorie, in Esoterik, im Mythischen und Religiösen, im Transzendenten, im Cyberspace endlich die "wahre Natur" des Menschen zu finden. An dieser Unternehmung seien auch die von Anders gescholtenen surrealistischen Geheimräte beteiligt, die ganz schnell zu passiven Eichmännern würden, die vom Monströsen der Technik und der atomaren Gefahr nichts wissen wollten, die mit ihrer Haltung an der Vernichtung der Welt mitwirkten, weil sie fleißig scheinbar "neue" ontologische Wahrheiten mit Absolutheitsanspruch verbreiteten. Man finde diese passiven Eichmänner vor allem in der (natur)wissenschaftlich-technischen gesellschaftlichen Sphäre. "Forschungsergebnisse", deren Halbwertzeiten sich immer weiter verkürzten, verdeutlichten, dass Anders' Vorschlag von einem hippokratischen Eid für Naturwissenschaftler, Ingenieure usw. fahrlässig sei, dass für diese im jetzigen Stadium der Entwicklung Verweigerung die einzige ethisch vertretbare Möglichkeit sei. Die Zeit zu erkennen, dass die Geschichte von der Technik gemacht werde, die ganz gut ohne Menschen auskomme, sei günstig, da gerade diese Überflüssigkeit tägliche Erfahrung an Leib und Seele der Masseneremiten sei.

Konrad Paul Liessmann blickt in seinem zweiten Beitrag in den Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Günther Anders. Der Briefwechsel setzt ein im Jahre 1951, als Günther Anders aus Amerika nach Europa zurückgekommen war und sich in Wien niederließ. Es wird Anders' Verhältnis zum Institut für Sozialforschung beleuchtet. Ab 1963 verschärft sich der Ton der Briefe und die "hot potatoes" (Anders) werden angesprochen. Es geht um die von Anders vermutete Missachtung Adornos ihm gegenüber, seinem Verhältnis zu Walter Benjamin und um den Umgang mit ehemaligen Nazis, die wieder in Amt und Würden stünden, wie z. B. Gehlen, dem Anders vorwirft, "lauthals mitgemacht" zu haben. Anders wirft Adorno vor, mangelndes Engagement gegen die atomare Bedrohung und gegen die Notstandsgesetze zu zeigen. Es sei unvereinbar mit dem Anspruch kritischer Theorie und Praxis, eine staatliche Universitätsprofessur zu bekleiden, das habe etwas von einem surrealistischen Geheimrat. Liessmann hebt hevor, dass anhand der Briefe die unterschiedliche Sicht von Institutionen verdeutlicht werde. Diese korrumpierten nach Anders immer und jeden.

Christophe David fragt nach den Ähnlichkeiten und den Unähnlichkeiten der falschen "Zwillingsbrüder" Anders und Sartre. Zunächst zeigt er auf, in welchen Publikationen sich diese zeitlich zuerst zeigen. David vergleicht, wie Anders und Sartre die Unvollständigkeit des Menschen und seine Freiheit in ihren jeweiligen Anthropologien aufgefaßt haben. Dann wendet er sich Anders' und Sartres Auffassungen des Existentialismus zu. Nach dem Krieg wandten sich Anders und Sartre von der Anthropologie ab und der Moral sowie der Geschichte zu. Mit dem Vergleich ihrer "geschichtlichen Moralen" schließt David seinen Beitrag ab und kommt zu der Feststellung, dass zehn Jahre nach Anders' Tod und zweiundzwanzig Jahre nach Sartres Anders' Philosophie immer noch unsere Zeit betreffe, während Sartres ihrerseits antiquiert scheine. Sartres politische Philosophie habe keine Nachkommen, habe nicht überleben können, da sie in der Nachkriegszeit engagiert gewesen sei. Heute stünden die "Totengräber" Sartres, Debord und Bourdieu, im Rampenlicht. David fragt, ob Anders' Denken, das man erst jetzt in Frankreich zu entdecken beginne, seinen Platz in diesem Horizont finden könne.

Marcuse und Anders, die Christian Fuchs in seinem Beitrag vergleicht, waren Schüler Heideggers und von diesem beeinflußt. Sie hatten persönliche Kontakte, auch in den Jahren des Exils in den USA. Anders verstehe sich als „Gelegenheitsphilosoph“, wärend Marcuse eher das Selbstverständnis eines wissenschaftlichen Vertreters einer kritischen Philosophie habe, die Praxis anleiten solle. Beide vertünden ihr Schreiben als politisches, das interveniere. Im Unterschied zu Anders betone Marcuse, besonders bezogen auf die Studentenbewegung am Ende der 1960er Jahre, die Befreiungsspotentiale der Gesellschaft. Anders Praxisorientierung sei, angesichts des destruktiven Potentials der Technik, auf die Erhaltung der Welt bezogen, ohne Illusionen der Veränderung zum Positiven. Zentral sei hier die Phantasie des Menschen und sein Streben nach Freiheit, die bei Marcuse über das Vorhandene hinausgehen könnten, bei Anders jedoch in der Spätmoderne bereits als antiquiert gelten. Auch am Kultur-, Kunst- und vor allem am Technikbegriff von Anders und Marcuse zeigt Fuchs Gemeinsamkeiten und Differenzen auf. Für Anders ist der Mensch der Spätmoderne antiquiert, sein Vorstellen bleibe hinter dem Machen zurück, nach Marcuse sei der Mensch in Denken, Sprache und Verhalten eindimensional geprägt. Antiquiertheit und Eindimensionalität seien wechselseitig vermittelt, und beide sprächen von der Herstellung falschen Bewusstseins.

Als letzter Beiträger dieses Bandes nimmt Stefan Broniowski die Rolle des advocatus diaboli auf sich, um an der Legende vom „kompromisslosen Außenseiter” und „unbequemen Denker” Günther Anders zu kratzen. Anders sei keineswegs der verkannte und ignorierte Philosoph und Schriftsteller, er sei vielmehr selbst ein Verkenner und Ignorant gewesen. Dass Anders unbekannt und seine Einsichten zu Technik, Medien, Mensch und Gesellschaft wegweisend gewesen seien, sei ein Märchen. Durch sein Auftreten in der Antiatom-, der Antivietnamkrieg- und Ökologiebewegung sei Günther Anders weltweit bekannt. Jedoch sei Anders kein Philosoph, habe nicht viel Philosophisches zu bieten. Broniowski bezieht sich auf Umberto Ecos „Apokalyptiker und Integrierte”. U. a. tröste der Apokalyptiker den Leser. Er lasse ihn, vor dem Hintergrund der drohenden Katastrophe, die Existenz einer Gemeinschaft von "Übermenschen" erfahren, die sich über die Banalität und den Durchschnitt erheben. Begriffsfetische ersetzten bei Anders rationale Argumente. Statt den konkreten Gebrauch von Produkten zu untersuchen, werde über das Produkt an sich spekuliert. Letzlich arbeite diese Art Kulturkritik dem zu, was sie kritisiere. Anders habe niemals einen Beweis geliefert. Seine gesamte Technik-Kritik - und damit sein Lebenswerk - stehe und falle damit, dass man ihm aufs Wort glaube. Günther Anders sei die Verkörperung eines alttestamentarischen Propheten. Niemand habe ihn zum Propheten berufen, sein Messianismus gehe folglich ins Leere.

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