Dirk
Röpcke
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»Auf die komische Seite
der von Anders
analysierten Kontingenz menschlicher Existenz verweist ... Dirk
Röpcke anhand der "Kosmologischen Humoreske". In der Belletristik
zeigt Anders einen ausgeprägten Humor. Anders radikale Philosophie
sei so stets von einem großen Lachen durchströmt.«
| Die Presse, Wien

Frau Nu und die surrealistischen
Geheimräte
Günther Anders, das Glück & die Rettung der Welt
VSB 2004, 120 S., Pb.
ISBN 3-934993-41-9
EUR 14,90
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In der Erzählung "Kosmologische Humoreske" treten die wichtigsten
Elemente des Anders'schen Denkens auf. Sie zeigt das Komische und
zugleich Tragische, aber auch das moralische Potential der kontingenten
menschlichen Existenz. Biographisch verortbare Einsichten Anders'
lassen sich im Brennglas dieser Erzählung fokussieren. Bezüge
finden wir in A:s' Biographie im Verhältnis zu und in der
Auseinandersetzung mit seinem Vater. Wie der Gott Bamba ins Sein kommt,
ist unerklärlich. Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben.
Als einzig Seiendes, das zugleich ein Verstoß gegen die Regel des
Nichts ist, reizt er Frau Nu, die Göttin des Nichts, zu
Hohngelächter ob seiner willkürlichen Existenz. Das S E I N
ist für A. ziemlich komisch; man müsse ihm mit Humor
begegnen. Diese Haltung mußte er sich hart erarbeiten nach seinem
"ontologischen Erkenntnisschock" im Alter von drei Jahren, als er
angesichts seines Geburtshauses begriff, dass ihm "die Welt
zuvorgekommen" war. Frau Nu und Gott Bamba zeugen ein endliches,
kontingentes Wesen. Dies verfällt - wie A. als Kleinkind - dem
"ontologischen Vorurteil", immer schon dagewesen zu sein und gar nicht
anders als sein zu können. Nu und Bamba fühlen sich
gekränkt, sollte ihre schöpferische Anstrengung doch der
Bestätigung dienen, das wahre Absolute zu sein. Es kommt zu einem
Zwist, in dem Gott Bamba auf seinen ursprünglichen "minderen
Seinsgrad", auf seine eigene Kontingenz verwiesen wird, denn Sein sei
immer nichtig, apriorisch das Nichts allein. Genau diese
Zufälligkeit und Endlichkeit der Wesen weckt in Gott Bamba
Mit-Leid, Empathie. Für A. ist alles komisch, "was, ohne
katastrophal zu sein, ist«. Aber die Einsicht in die Kontingenz
des Seins ist auch Voraussetzung für Moral. Gerade aus der
Einsicht, dass unsere Kontingenz und Endlichkeit, unsere
Einzigartigkeit unter lauter Einzigartigen, jeden von uns zum
Mit-Menschen, zum Gleichen unter Gleichen macht, steckt das Potential,
die eigene Fähigkeit zur Empathie, zur Nächstenliebe, zur
Solidarität, zum Widerstand gegen das allumfassende, drohende
"Nichts" zu kultivieren. Alle "kritischen" Denker, die nicht konsequent
ihre Kraft in den Widerstand gegen den technokratischen
Vernichtungswillen stellen, könnten aus A:s' Sicht
"surrealistische Geheimräte" gewesen sein: Kritische Theorie ohne
Praxis habe etwas von einem Leben als "surrealistischer Geheimrat",
schrieb er 1963 in einem Brief an Adorno, dem er mangelndes Engagement
gegen die atomare Bedrohung vorwarf. Diese Sicht hatte A. im Laufe
seines Lebens in graduell unterschiedliche Weise auf Vertreter der
Frankfurter Schule und deren Umfeld. "Surrealistische Geheimräte"
können ganz schnell zu "passiven Eichmännern" werden, die mit
ihrer Haltung an der Vernichtung der Welt mitwirken. A:s' Briefwechsel
mit dem Kommandanten des Wetterflugzeuges vom Atombombenabwurf
über Hiroshima zeigt, dass gerade die nicht-unmittelbare, die
indirekte Beteiligung an der Zerstörung eben typisch ist für
den Grad unserer heutigen arbeitsteiligen Destruktionsprozesse. A.
zeichnet eine phänomenologische Anthropologie, die sich im
Kantschen Sinne als Kritik an menschlicher Urteilskraft und
funktioneller Vernunft versteht. Er erkennt, dass quer durch alle
ideologischen Lager die Technokratie, die Herrschaft der Technik, die
"Sachzwänge" schafft, die A. als totalitäre Herrschaft
entlarvt. Die Totalität der Technokratie strebt für ihren
reibungslos funktionierenden Gesamtapparat als "Erlösung" ihre
"Endlösung" an: das wahre Ende der Geschichte. Angesichts dieser
Entwicklung denkt A. am Ende seines Lebens über Notwehr nach, die
vor Gewalt gegen Menschen nicht zurückscheut.
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